#25: Ungleichheit: Hat Armut ein Geschlecht?
Shownotes
Frauen sind strukturell stärker von Armut betroffen als Männer. So wird es immer wieder von Studien belegt. Gleichzeitig erleben wir aktuell einen Angriff auf den Sozialstaat, der die Situation von Frauen noch zu verschärfen droht. Armut hat ein Geschlecht und das - so heißt es – ist weiblich. Aber ist das wirklich so und wenn ja, warum? Welche Facetten hat soziale Ungleichheit mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse, braucht Kapitalismus unbezahlte Care-Arbeit für seine Existenz und was wird mit dem gängigen Fokus auf „die Frauen“ und „die Männer“ ausgeblendet? In dieser Folge kommt die Politikwissenschaftlerin Friederike Beier zu Wort. Friederike forscht unter anderem zu Care, (queer-)feministischen Theorien und zum Verhältnis von Geschlecht und Kapitalismus.
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Shownotes:
Claudia Chmel, Lukas Zielinski: »Armut – eine Frage des - Geschlechts?«, Bundesstiftung Gleichstellung, Dezember 2025, Download
Friederike Beier (Hrsg.): Materialistischer Queerfeminismus. Theorien zu Geschlecht und Sexualität im Kapitalismus, Münster 2024.
Friederike Beier: Time to Care. Chronofeminist Politics for Democracy, Gender Equality and Time Justice, Transcript 2026.
Henrik Kleven et al: Child Penalties across countries, in: Regina-Maria Dackweiler/ Alexandra Rau/ Reinhild Schäfer (Hrsg..): Frauen und Armut. Feministische Perspektiven, Berlin 2020.
Nikolaus Meyer: Kinderschutz oder Kontrollpolitik? Warum die Bundesregierung einen neuen Verdachtsraum für arme Familien eröffnet – DGSA Blog, 21. Januar 2026.
Katharina Lux und Amelie Göppel: „Es ist kompliziert. Zur Beziehung von Kapitalismus und Feminismus“, Maro Heft. #21/2026.
Friederike Maier / Dorothea Schmidt: Geschlechterverhältnisse und Erwerbstätigkeit Anmerkungen zu Gundula Ludwigs Artikel über Gramscis Hegemonietheorie und queer-feministische Staatstheorie, in: PROKLA 212, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft.
Schattenbericht 2025: Armut in Deutschland, Nationale Armutskonferenz (nak)
Transkript anzeigen
Eva Völpel: Hallo und herzlich willkommen zur 25. Folge von Armutszeugnis,
Eva Völpel: dem Wirtschaftspodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Eva Völpel: Und wir stehen in dieser März-Folge ganz im Eindruck natürlich des 8.
Eva Völpel: Und auch des 9. März, das heißt des Internationalen Frauenkampftages mit den
Eva Völpel: großen Demonstrationen weltweit, aber natürlich auch in Deutschland und der
Eva Völpel: Verlängerung dieses Tages ja auf den 9.
Eva Völpel: März, wo ein Bündnis mit dem Namen Enough oder auch genug in Deutschland ja
Eva Völpel: zu einem globalen Frauengeneralstreik aufgerufen hat,
Eva Völpel: um nämlich mittags mit kreativen Aktionen, Demonstrationen und Veranstaltungen als Frauen bzw.
Eva Völpel: Flinter im öffentlichen Raum Präsenz zu zeigen und zu streiken.
Eva Völpel: Wobei man natürlich sagen muss, Streik nicht im tarifvertraglichen Sinne,
Eva Völpel: aber so als allgemeiner Akt des politischen Widerstandes im öffentlichen Raum.
Eva Völpel: Ja, und Gründe auf die Straße zu gehen, die gibt es wahrlich genug als Frau
Eva Völpel: oder als Flinter oder auch natürlich als sich solidarisierender Mann.
Eva Völpel: Weltweit und auch in Deutschland kommen ja Frauen und ihre Rechte zunehmend
Eva Völpel: unter Druck, gerade mit dem Rechtsruck, den wir erleben.
Eva Völpel: Denn für die Rechtsbewegung ist natürlich der Antifeminismus ein ganz zentraler,
Eva Völpel: wichtiger Punkt für die politische Mobilisierung und in der politischen Programmatik.
Eva Völpel: Und abgesehen davon sind wir natürlich immer noch weit entfernt davon,
Eva Völpel: von Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft sprechen zu können.
Eva Völpel: Also zum Beispiel, wenn es um die Verteilung der Care-Arbeit geht,
Eva Völpel: da ist noch sehr, sehr viel Luft nach oben oder auch überhaupt um die Anerkennung,
Eva Völpel: welche wichtige Rolle diese Care-Arbeit in und in
Eva Völpel: unentlohnte Arbeit in unserer Gesellschaft spielt. Aber auch in den Betrieben
Eva Völpel: ist es ja immer noch so, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit für Frauen in
Eva Völpel: vielen Fällen eben noch nicht die Realität ist.
Eva Völpel: Und wir wollen deswegen heute über einen ganz bestimmten Aspekt des Lebens von
Eva Völpel: Frauen und Flinter in diesem Land
Eva Völpel: sprechen, nämlich über ihre ökonomische Situation und die Frage der Armut.
Eva Völpel: Es heißt ja immer, Frauen seien strukturell stärker von Armut betroffen als
Eva Völpel: Männer. Da gibt es auch immer wieder viele Studien zu, die das belegen.
Eva Völpel: Und wir erleben ja zugleich gerade einen Angriff auf den Sozialstaat auf vielen Ebenen.
Eva Völpel: Und der wird diese Situation von Frauen und ihrer ökonomischen Benachteiligung
Eva Völpel: natürlich auch nochmal verschärfen.
Eva Völpel: Armut hat ein Geschlecht und das ist, so heißt es, weiblich.
Eva Völpel: Aber ist es wirklich so und wenn ja, warum?
Eva Völpel: Welche Facetten hat also soziale Ungleichheit bezogen auf die Geschlechterverhältnisse
Eva Völpel: und was wird auch mit dem gängigen Fokus auf die Frauen und die Männer ausgeblendet.
Eva Völpel: Und Sabine, dazu hast du dich schlau gemacht und uns wieder einiges mitgebracht
Eva Völpel: und du hast auch mit einer Interviewpartnerin gesprochen, nämlich mit Friederike Bayer.
Eva Völpel: Sie ist Politikwissenschaftlerin, Autorin mehrerer Bücher und wissenschaftliche
Eva Völpel: Mitarbeiterin am Margarita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung der
Eva Völpel: Freien Universität in Berlin.
Eva Völpel: Und zuvor hat Friederike im Bereich der Gleichstellungspolitik gearbeitet,
Eva Völpel: unter anderem als Frauenbeauftragte der Alice-Salomon-Hochschule, auch hier als Berlin.
Eva Völpel: Aber sie war auch schon tätig als Expertin für Gender- und Menschenrechte in der EU-Kommission.
Eva Völpel: Und Friederike lehrt und forscht also heute zu den Themen Care und soziale Reproduktion,
Eva Völpel: zu queer-feministischen Theorien und zu Gender- und Autoritarismus.
Eva Völpel: Und ich bin sehr gespannt, worüber ihr euch alles unterhalten habt, Sabine.
Sabine Nuss: Danke, Eva, für die schöne Einleitung ins Thema.
Sabine Nuss: Vielleicht nochmal ganz kurz vorneweg, sag nochmal schnell, wofür steht Flinta?
Eva Völpel: Ah, ja, Flinta ist die Abkürzung für Frauen, Lesben, Inter-,
Eva Völpel: nichtbinäre, Trans- oder Agenda-Personen.
Eva Völpel: Ja, ja.
Eva Völpel: Das wird immer abgekürzt als Flinter.
Sabine Nuss: Als Flinter, genau. Vielleicht, bevor ich jetzt einsteige in das Thema,
Sabine Nuss: was wir auch so ein bisschen titeln mit Queer-Feminismus und der Frage,
Sabine Nuss: hat Armut ein Geschlecht, gehen wir erstmal von der ganz allgemeinen Lage aus.
Sabine Nuss: Also im Jahr 2025, um eine Zahl zu nehmen vom Statistischen Bundesamt,
Sabine Nuss: galten 13,3 Millionen Menschen als armutsgefährdet. Das sind 16,1 Prozent der Bevölkerung.
Sabine Nuss: Ich finde es ja ehrlich gesagt für so ein Reichsland ganz schön viel.
Sabine Nuss: Der Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr übrigens auch gestiegen,
Sabine Nuss: nämlich 2024, da lag er bei 15,5 Prozent.
Eva Völpel: Warte mal Sabine, vielleicht klären wir nochmal vorab, wann man überhaupt in
Eva Völpel: Deutschland als armutsgefährdet gilt, nämlich ab einem Einkommen,
Eva Völpel: welches unter 60 Prozent des sogenannten Medianeinkommens liegt, nicht wahr?
Sabine Nuss: Und jetzt darfst du gleich noch erklären, was das Medianeinkommen ist.
Eva Völpel: Ja, das Medianeinkommen ist das Einkommen, das alle Menschen sozusagen wie in
Eva Völpel: einer Reihe mal so aufstellt, von ganz wenig Einkommen bis ganz viel.
Eva Völpel: Und die Person genau in der Mitte, die hat eben das sogenannte Medianeinkommen.
Eva Völpel: Das heißt, die Person, die darunter liegen, die eine Hälfte,
Eva Völpel: die verdient eben weniger als diese Person in der Mitte und die andere Hälfte
Eva Völpel: in Deutschland verdient eben mehr.
Eva Völpel: Ja, das ist sozusagen ein besseres Maß,
Eva Völpel: um sich über Einkommen und Einkommensungleichheit klar zu werden als das Durchschnittseinkommen,
Eva Völpel: weil eben sehr, sehr reiche Menschen mit ihrem hohen Einkommen dann so ein bisschen
Eva Völpel: den Eindruck verfälschen, weil das zieht dann das Durchschnittseinkommen immer
Eva Völpel: so hoch, wenn die in diese Berechnung mit eingehen.
Sabine Nuss: Mhm.
Eva Völpel: Und jetzt hat man eben dieses Medianeinkommen oder diese eine Person in der
Eva Völpel: Mitte vereinfacht gesagt und wer jetzt weniger als 60 Prozent von diesem Betrag
Eva Völpel: zur Verfügung hat, den diese Person in der Mitte zur Verfügung hat,
Eva Völpel: der gilt eben als armutsgefährdet.
Eva Völpel: Und im Jahr 2025 lag der Wert für einen allein lebenden Menschen in Deutschland
Eva Völpel: bei 1.446 Euro netto im Monat.
Eva Völpel: Muss man sich mal vorstellen, damit kann man wahrlich nicht überleben oder nicht
Eva Völpel: gut leben. Es müssen ja viele Menschen so leben.
Eva Völpel: Und für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 lag dieser
Eva Völpel: Wert eben bei 3.036 Euro im Monat.
Eva Völpel: Und wenn man eben weniger als das hat, dann geht man offiziell als armutsgefährdet.
Sabine Nuss: Das sind also die Personen, die als armutsgefährdet gelten, beziehungsweise
Sabine Nuss: die Kriterien, die du da jetzt gerade genannt hast.
Sabine Nuss: Und wenn man sich jetzt in den Statistiken die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern
Sabine Nuss: näher anguckt, dann kommt dabei raus, dass es 16,2 Prozent der Frauen und 14,7
Sabine Nuss: Prozent der Männer im Jahr 2024 waren,
Sabine Nuss: die von Armut bedroht waren.
Sabine Nuss: Also das sind umgerechnet sieben Millionen Frauen und sechs Millionen Männer,
Sabine Nuss: so ungefähr, laut Statistischem Bundesamt.
Sabine Nuss: Und diese Statistiken zeigen eigentlich schon auf den ersten Blick,
Sabine Nuss: dass Frauen im Schnitt häufiger armutsgefährdet oder von Armut bedroht sind als Männer.
Sabine Nuss: Das ist eine ganz gängige Betrachtungsweise und Zählung.
Sabine Nuss: Auch die NAC, die Nationale Armutskonferenz.
Eva Völpel: Warte mal, die NAC, das müssen wir vielleicht auch nochmal erklären, oder?
Sabine Nuss: Bist heute unser Erklärbär, Eva.
Eva Völpel: Genau. Erklärbärin, bitte.
Sabine Nuss: Erklärbärin, ja.
Eva Völpel: Wir sind im März, ja.
Sabine Nuss: Entschuldigung.
Eva Völpel: Also im Herbst 1991, da ist die deutsche Sektion des Europäischen Armutsnetzwerkes,
Eva Völpel: European Anti-Poverty Network, gegründet worden.
Eva Völpel: Und das ist eben diese nationale Armutskonferenz.
Eva Völpel: Und das ist ein Bündnis von Organisationen, Verbänden und
Eva Völpel: Und Initiativen, die sich eben für eine aktive Politik der Armutsbekämpfung einsetzen.
Sabine Nuss: Und die Nack schreibt eben auch, Armut ist weiblich und sagt in besonderer Weise zumindest.
Sabine Nuss: Und bei denen, bei deren Zählungen, die sagen eben auch, die Armutsquote ist
Sabine Nuss: ein Prozentpunkt höher bei den Frauen als bei Männern.
Sabine Nuss: Und also grundsätzlich insgesamt bei allem, was ich so durchgeforstet habe,
Sabine Nuss: ist es breiter Konsens. Diese Formulierung und auch diese Annahme,
Sabine Nuss: Armut ist weiblich über alle Sozialverbände, regierungsoffizielle Stellen,
Sabine Nuss: Gleichstellungsberichte und so weiter hinweg.
Sabine Nuss: Und so ein paar gegenläufige Phänomene gibt es, die man dann einordnen müsste.
Sabine Nuss: Zum Beispiel ist unter den Wohnungslosen, also unter den Obdachlosen,
Sabine Nuss: da sind die Männer eher tendenziell betroffen, findet man also den größeren
Sabine Nuss: Männeranteil als Frauen.
Sabine Nuss: Und auch gibt es natürlich die Superreichen, da gehören auch Frauen natürlich dazu.
Sabine Nuss: Also es gibt auch unter den zehn reichsten Personen zwei Frauen,
Sabine Nuss: kommen wir vielleicht später nochmal drauf zu sprechen.
Sabine Nuss: Und natürlich ist es auch so, dass die sogenannten Mittelschichtsfrauen,
Sabine Nuss: also die so ein bisschen wohlhabend, vielleicht nicht unbedingt superreich sind,
Sabine Nuss: aber wohlhabend sind, die können sich durchaus leisten, Care-Arbeit outzusourcen.
Sabine Nuss: Es ist also nicht ganz eindeutig, man kann nicht sagen, alle weiblich-
Sabine Nuss: gelesenen Personen sind von Armutbetroffenen, also alle Frauen und genderqueere Menschen.
Sabine Nuss: Genderqueer ist übrigens ein Überbegriff für Menschen, das ist so ein bisschen
Sabine Nuss: synonym zu non-binär, also Menschen,
Sabine Nuss: die sich nicht zu einer eindeutigen Geschlechtsidentität zuordnen würden,
Sabine Nuss: also die nicht eindeutig sagen können, ich bin Mann, ich bin Frau,
Sabine Nuss: sondern das oszilliert so ein bisschen dazwischen und das nennt man genderqueer.
Eva Völpel: Also man muss ja grundsätzlich sagen, das Geschlecht kommt oder muss eben noch
Eva Völpel: mit anderen Merkmalen zusammenkommen.
Eva Völpel: Erst dann entscheidet sich eigentlich, ob man mehr oder weniger armutsgefährdet
Eva Völpel: ist. Ich meine, wir haben ja oft auch hier drüber gesprochen.
Eva Völpel: Die Klassenlage spielt natürlich vor allem eine sehr, sehr große Rolle,
Eva Völpel: aber auch, ob man jetzt körperlich oder gesundheitlich beeinträchtigt ist,
Eva Völpel: also welche Herkunft man hat, ob man also von Rassismus betroffen ist,
Eva Völpel: ob man queer und damit tendenziell diskriminiert ist und so weiter.
Eva Völpel: Also all das verschränkt sich ja dann mit dem Merkmal Geschlecht und kann eben
Eva Völpel: in einem stärkeren Ausmaße dann dazu führen, dass man armutsgefährdet ist.
Sabine Nuss: Und deshalb ist es auch schwierig, also das, was du gerade beschrieben hast,
Sabine Nuss: dass ich eben das Geschlecht als Merkmal noch mit anderen Merkmalen erst verschränken
Sabine Nuss: muss, um aussagekräftig zu sein.
Sabine Nuss: Das ist dieses berühmte Intersektionalität.
Sabine Nuss: Und wenn man nur untersucht die Frau, der Mann, dann blendet man alles Mögliche
Sabine Nuss: aus, zum Beispiel eben die Klassenlage oder eben auch jene Menschen,
Sabine Nuss: die sich nicht diesen eindeutigen Geschlechteridentitäten zuordnen können.
Sabine Nuss: Das alles vorausgesetzt, kann man aber trotzdem sagen, wie genau sich diese
Sabine Nuss: Ungleichheit zeigt und dazu hören wir jetzt vielleicht mal den allerersten O-Ton von Friederike.
Friederike Beier : Um dann zu verstehen, wie Frauen in ihrem Leben mehr von sozialer Ungleichheit
Friederike Beier : und auch von Armut betroffen sind, müssen wir uns ganz unterschiedliche Zahlen
Friederike Beier : auch in Zusammenhang angucken.
Friederike Beier : Nämlich den Gender Pay Gap, den Gender Care Gap und den Gender Pension Gap,
Friederike Beier : die jeweils ineinander greifen. Ich erkläre das mal kurz.
Friederike Beier : Also der Gender Pay Gap ist wahrscheinlich am bekanntesten.
Friederike Beier : Das bedeutet, dass Frauen, und diese Statistiken erheben das eben nur binär,
Friederike Beier : durchschnittlich 16 Prozent weniger verdienen als Männer.
Friederike Beier : Das heißt, es ist eine Differenz zwischen den durchschnittlichen Bruttoverdienst,
Friederike Beier : was man eben brutto in der Stunde verdient. Und dazu, also diese Zahl allein
Friederike Beier : ist nicht so aussagekräftig, weil dazu kommt noch der Gender Care Gap.
Friederike Beier : Der kommt erschwerend hinzu und das bedeutet, dass Frauen, auch wieder binär
Friederike Beier : erhoben, mehr unbezahlte Haus- und Sorgearbeit verrichten.
Friederike Beier : Und zwar in Deutschland um 43,4 Prozent. Also hier ist die Zahl viel, viel höher.
Friederike Beier : Das bedeutet, dass Frauen im Durchschnitt acht Stunden und 52 Minuten mehr Care
Friederike Beier : Arbeit die Woche verrichten als Männer. Also das ist schon ganz schön viel.
Friederike Beier : Deswegen auch viel weniger Freizeit haben. Und deswegen, weil sie so viel in
Friederike Beier : der Care-Arbeit eingebunden sind, arbeiten sie auch viel häufiger in Teilzeit.
Friederike Beier : Und diese Teilzeitjobs sind eben ganz oft viel weniger lukrativ,
Friederike Beier : da macht man weniger Karriere drauf.
Friederike Beier : Und es sind keine klassischen Karrierejobs und es gibt natürlich weniger Geld,
Friederike Beier : wenn man weniger Stunden arbeitet.
Friederike Beier : Insgesamt ist eines der größten Armutsrisiken für Frauen eigentlich schwanger
Friederike Beier : zu werden, weil wenn sie hauptverantwortlich sind für die Care-Arbeit,
Friederike Beier : weniger Lohnarbeit, vielleicht durch Mutterschutz, dann Elternzeit länger ausfallen,
Friederike Beier : dann macht sich das einfach bemerkbar.
Friederike Beier : Und das zeigt sich dann später auch bei der Rente. Und deswegen ist der Gender-Pension-Gap
Friederike Beier : da auch so wichtig und der greift da auch mit rein.
Friederike Beier : Das bedeutet, weil Frauen weniger verdienen und weniger Lohn arbeiten,
Friederike Beier : gibt es ein viel größeres Armutsrisiko, vor allen Dingen von Frauen im Alter.
Friederike Beier : Die haben ein fast 60 Prozent geringeres Alterssicherungseinkommen.
Friederike Beier : Also da ist der Gap noch viel größer, also der potenziert sich.
Friederike Beier : Wenn wir uns nur den Gender-Pay-Gap angucken, dann ist der noch relativ gering.
Friederike Beier : Aber 60 Prozent geringeres Alterssicherungseinkommen, muss man sich mal auf
Friederike Beier : der Zunge zergehen lassen, ist schon krass.
Friederike Beier : Und das bedeutet, dass auch über oder fast 60 Prozent der Empfängerinnen von
Friederike Beier : Grundsicherung im Alter sind Frauen.
Friederike Beier : Das heißt, deren Rente reicht nicht aus, um sie zu ernähren und sie müssen quasi
Friederike Beier : vom Staat nochmal subventioniert werden.
Friederike Beier : Und der Grund dafür ist einfach, weil sie weniger Stunden gelohnt arbeitet haben,
Friederike Beier : sage ich immer gerne, weil Arbeit ist eben auch Care-Arbeit.
Friederike Beier : Das ist ja auch eine Arbeit.
Friederike Beier : Und diese Arbeit eben aber nicht entlohnt war und eben in weniger prestigeträchtigen
Friederike Beier : Bereichen oft gearbeitet haben.
Eva Völpel: Ja, Friederike bringt da einen Satz, finde ich, sehr zentral auf den Punkt.
Eva Völpel: Insgesamt ist eines der größten Armutsrisiken für Frauen eigentlich, schwanger zu werden.
Eva Völpel: Vielleicht dazu kurz eine Ergänzung. Es ist quasi, wenn man das zuspitzt,
Eva Völpel: wie eine Strafe, ein Kind zu bekommen, also im Sinne von den Einkommenseinbußen,
Eva Völpel: die Frauen nach der Geburt erleiden.
Eva Völpel: Das wird in einer Studie auch als Child Penalties bezeichnet.
Eva Völpel: Die Studie verlinken wir euch auch in den Shownotes.
Eva Völpel: Und das bedeutet eben, dass Frauen aufgrund der unterbrochenen oder eingeschränkten
Eva Völpel: Arbeitsmarktbeteiligung oder Mütter vielmehr, muss ich jetzt sagen,
Eva Völpel: in Deutschland auch zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes durchschnittlich
Eva Völpel: 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt verdienen.
Eva Völpel: Und das ist natürlich total drastisch und die Auswirkungen beschreibt Friederike ja dann auch.
Eva Völpel: Vor allem, wenn sich das alles über den Lebensverlauf aufsummiert und was das
Eva Völpel: dann bedeutet für den großen Gender-Pension-Gap.
Sabine Nuss: Ja, und es gibt übrigens neben den diversen Gender Gaps gibt es noch einen anderen,
Sabine Nuss: nämlich den sogenannten Mother Pension Gap und das bezeichnet die Ungleichheiten
Sabine Nuss: innerhalb der Gruppe jener Menschen, die Kinder gebären können.
Sabine Nuss: Also da gibt es eben, finde ich auch schon wieder total logisch,
Sabine Nuss: natürlich Mütter, weil sie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben,
Sabine Nuss: familiär bedingt Auszeit nehmen zu müssen oder eben weniger arbeiten,
Sabine Nuss: also Lohn arbeiten können, dass die natürlich schlechter gestellt sind gegenüber
Sabine Nuss: Frauen, die keine Kinder haben.
Sabine Nuss: Und da möchte ich nochmal ganz kurz erwähnen, das ist natürlich auch eine Frage der Klassenlage.
Sabine Nuss: Also eine überreiche Frau mit fünf Kindern ist immer noch besser gestellt als
Sabine Nuss: zum Beispiel ich ohne Kinder.
Sabine Nuss: Also da kommt es natürlich, aber tendenziell strukturell ist es auf jeden Fall
Sabine Nuss: so, diese schlechte Stellung.
Sabine Nuss: Und by the way, Friederike hat auch noch was zu diesen superreichen Frauen gesagt.
Sabine Nuss: Sie hat nämlich gesagt, dass die Tatsache, dass es eben auch superreiche Frauen
Sabine Nuss: gibt, Frauen, die Karriere machen können und dann darüber sehr reich werden,
Sabine Nuss: wenn sie jetzt nicht gerade geerbt haben, das gibt es natürlich auch,
Sabine Nuss: dass das auch ein Indiz für den Erfolg des sogenannten liberalen, weißen Feminismus sei.
Eva Völpel: Also ja, eine ganz bestimmte Strömung im Feminismus. Es gibt ja ganz verschiedene.
Sabine Nuss: Ja, ja, richtig. Es gibt verschiedene Strömungen im Feminismus.
Sabine Nuss: Und es ist auf jeden Fall so, dass Friederike darauf hinweist,
Sabine Nuss: unter den zehn reichsten Deutschen gibt es zwei Frauen.
Sabine Nuss: Einmal Beate Heister von Aldi und Susanne Klatten von BMW.
Sabine Nuss: Und der Rest sind natürlich auch Männer. Wenn man so will, kann man sagen,
Sabine Nuss: insgesamt ist Armut eher weiblich und Reichtum eher männlich,
Sabine Nuss: wenn man das so sagen möchte.
Sabine Nuss: Es gibt nicht, das hatten wir jetzt gerade gehabt,
Sabine Nuss: Den Feminismus vielleicht ein ganz kleiner Literaturtipp zu dem Thema.
Sabine Nuss: Es gibt ein aktuelles Maro-Heft. Das ist eine ganz nette Heftreihe,
Sabine Nuss: erscheint im Maro-Verlag und die Neuerscheinung dort hat den Titel zur Beziehung
Sabine Nuss: von Kapitalismus und Feminismus und erklärt ganz nett die verschiedenen Strömungen.
Sabine Nuss: Das Heft ist von Katharina Lux und Amelie Göppel, das packen wir auch in die Shownotes.
Sabine Nuss: Da werden die verschiedenen feministischen Strömungen sehr verständlich erklärt
Sabine Nuss: und vom liberalen Feminismus, den ich vielleicht auch so ein Gleichstellungsfeminismus nennen würde.
Sabine Nuss: Da wird gesagt, das ist eben ein Feminismus, der mit dem Kapitalismus eine Romanze eingeht.
Eva Völpel: Ja, das ist schön gesagt. Also was mir ja bei dem Thema auch jetzt immer wieder
Eva Völpel: so durch den Kopf geht, während wir uns hier unterhalten und wir hatten es ja
Eva Völpel: auch schon von den Sozialkürzungen, die natürlich ihre Auswirkungen vor allen
Eva Völpel: Dingen auf Menschen haben werden,
Eva Völpel: die eh schon in einer schlechten ökonomischen Lage sind.
Eva Völpel: Mir geht vor allen Dingen durch den Kopf jetzt auch nochmal diese Grundsicherungsform.
Eva Völpel: Also wir haben das Gesetz, das jetzt endgültig durch den Bundestag gegangen
Eva Völpel: ist und was die Lage vor allem auch von Frauen, also insgesamt von vulnerablen Personen,
Eva Völpel: auch von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen nochmal extrem verschärfen
Eva Völpel: wird, aber eben auch die Lage von Frauen und von Kindern.
Eva Völpel: Also zum einen, weil bei Familien...
Eva Völpel: Und Frauen gezwungen sind, früher wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen,
Eva Völpel: also mittlerweile nach dem ersten Lebensjahr des Kindes und nicht nach dem dritten
Eva Völpel: Lebensjahr, was natürlich absurd ist, wenn man sich teilweise anguckt,
Eva Völpel: wie die Verfügbarkeit von Kita-Plätzen oder überhaupt die Öffnungszeiten von Kitas funktionieren.
Eva Völpel: Und das andere ist, das gab jetzt vor kurzem auch nochmal Zahlen,
Eva Völpel: dass es immer mehr Kinder gibt, die in Familien leben, die von Sanktionen in
Eva Völpel: der Grundsicherung betroffen sind.
Eva Völpel: Ja, also die Zahl ist deutlich angestiegen und das ist eben absehbar,
Eva Völpel: dass jetzt unter diesen ganzen neuen Regeln, die mit der Grundsicherung kommen.
Eva Völpel: Sei es die verschärften Regeln zur Arbeitsaufnahme, sei es die verschärften
Eva Völpel: Sanktionsregeln, aber auch die Regeln, dass die Kosten für die Miete nicht mehr
Eva Völpel: in der Höhe übernommen werden wie vorher,
Eva Völpel: dass das natürlich vor allen Dingen auch Frauen treffen wird,
Eva Völpel: beziehungsweise Alleinerziehende, die ja eh ein sehr viel höheres Risiko haben,
Eva Völpel: von Armut betroffen zu sein als andere Gruppen. Und das finde ich richtig bitter.
Eva Völpel: Also da merkt man auch an vielen Stellen der Reform, dass es wirklich,
Eva Völpel: ja, dass es total egal ist, sozusagen der Bundesregierung, wie Leute in solche
Eva Völpel: sozialen Lagen geraten.
Eva Völpel: Ja, da wird jetzt einfach nur noch draufgehauen. Und besonders krass,
Eva Völpel: das muss ich hier mal kurz erwähnen, weil das noch kaum rumgegangen ist,
Eva Völpel: Das ist eine Gesetzesänderung, die mittlerweile jetzt dazu führen soll,
Eva Völpel: dass Menschen im Grundsicherungsbezug,
Eva Völpel: also Familien mit Kindern und dann vielleicht auch oft Alleinerziehende mit
Eva Völpel: Kindern, wenn die jetzt sich nicht richtig beim Jobcenter melden und sanktioniert
Eva Völpel: werden, dann ist es mittlerweile so,
Eva Völpel: dass es im Gesetz eine Regelung gibt, dass dann automatisch das Jugendamt verständigt werden muss.
Eva Völpel: Das heißt, die Sanktionskette wird jetzt fortgesetzt von den Jobcentern zum Jugendamt.
Eva Völpel: Und das Jugendamt ist ja eigentlich dafür da, einzugreifen bei Kindeswohlgefährdung.
Eva Völpel: Also wenn Kinder irgendwie psychisch oder körperlicher Gewalt oder Vernachlässigung ausgesetzt sind.
Eva Völpel: Und jetzt macht man sozusagen einen Generalverdacht, dass irgendwie,
Eva Völpel: wenn in Familien sanktioniert wird, dann wird natürlich den Kindern nicht die
Eva Völpel: Leistung gestrichen, aber eben den Eltern.
Sabine Nuss: Was sich natürlich auf die Kinder auswirkt.
Eva Völpel: Was sich auf die Kinder auswirkt. Aber da muss jetzt das Jugendamt informiert
Eva Völpel: werden. Und das ist einfach wirklich ein krasser Paradigmenwechsel,
Eva Völpel: weil das Jugendamt natürlich im besten Falle eine helfende Hand sein soll in solchen Fällen.
Eva Völpel: Und wenn es jetzt eine Verschiebung gibt dazu, dass es sozusagen verlängerter
Eva Völpel: Arm des Jobcenters wird, dann ist das für eine wirkliche Hilfe für Kinder in
Eva Völpel: Notlagen absolut kontraproduktiv.
Sabine Nuss: Das ist natürlich auch, also so eine allgemeine Aussage würde dann schon auch
Sabine Nuss: zutreffen auf das Ganze, was da passiert und generell systematisch so ist,
Sabine Nuss: dass Menschen, ganz allgemein Menschen mit Sorgeverantwortung,
Sabine Nuss: die sie nicht outsourcen können, weil sie nicht das Geld dazu haben,
Sabine Nuss: das mit ihrem allermeisten leiden unter den Sozialstaatsangriffen.
Sabine Nuss: Ich erinnere jetzt nur an diese unsägliche Teilzeitdebatte, die wir hatten,
Sabine Nuss: also diese Lifestyle-Teilzeit vor dem Hintergrund, ist das, finde ich, echt krass.
Eva Völpel: Genau, der Lifestyle-Begriff, der ja von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion,
Eva Völpel: also des Wirtschaftsflügels der CDU in die Debatte gebracht worden ist.
Eva Völpel: Ich meine, den Begriff haben sie ja dann irgendwann wieder rausgenommen,
Eva Völpel: weil sie so einen Shitstorm geerntet haben dafür.
Eva Völpel: Aber der Gedanke, der dahinter steckt, der ist natürlich weiterhin in den Köpfen vorhanden.
Sabine Nuss: Absolut. Und die Art der Empörung, also das Ausmaß der Empörung,
Sabine Nuss: was in der Bevölkerung zu spüren war bei dieser Lifestyle-Teilzeit-Debatte,
Sabine Nuss: auch wenn die das wieder zurückgenommen haben und auch gar nicht auf Menschen
Sabine Nuss: mit Sorgeverantwortung bezogen haben,
Sabine Nuss: zeigt aber, finde ich, wie belastend die Lage jetzt schon ist.
Friederike Beier : Das macht mich so richtig wütend. Jetzt folgt ein Rant.
Friederike Beier : Also ich wünsche Merz und all seinen männlichen Kollegen, dass sie sich einen
Friederike Beier : Monat lang um Kinder und pflegebedürftige Menschen kümmern und nebenbei in Vollzeit
Friederike Beier : bei all die an der Kasse sitzen.
Friederike Beier : Weil dann werden sie merken, das funktioniert nämlich nicht.
Friederike Beier : Auf gar keiner Ebene. Da muss man nicht mal ein Kind krank werden,
Friederike Beier : da muss man noch nicht mal selber krank werden.
Friederike Beier : Das geht einfach nicht. Vollzeit und Sorgeverantwortung sind nicht zusammen
Friederike Beier : möglich. Also nicht ohne, dass man Care outsourced.
Friederike Beier : Das können nur die Reichsten machen und das bestärkt dann wieder die intersektionalen
Friederike Beier : Ungleichheitsverhältnisse, weil dann in der Regel Menschen,
Friederike Beier : die zum Beispiel als Nannys, als Babysitterinnen oder als 24-Stunden-Pflegerinnen
Friederike Beier : arbeiten, in der Regel von Klassismus, Rassismus betroffen sind,
Friederike Beier : eine andere Klassenlage haben. Also das ist schon mal ein Riesenproblem.
Friederike Beier : Und ich würde sagen, dass diese ganze Vereinbarkeitsideologie sowieso eine neoliberale
Friederike Beier : Ideologie ist, weil es im Kapitalismus schlichtweg nicht möglich ist.
Friederike Beier : Kann das mal an meinem Beispiel, kann ich das mal kurz zeigen.
Friederike Beier : Also ich arbeite an der Freien Universität Berlin.
Friederike Beier : Ich wohne in Altrepto. Die ist in Dahlem. Ich habe ein Kind,
Friederike Beier : das ist fünf Jahre alt, geht jetzt in die Kita.
Friederike Beier : Also ich habe eine Stunde Fahrzeit. Also wenn ich mein Kind in die Kita bringe,
Friederike Beier : wenn die Kita öffnet, das ist um 8.30 Uhr, dann bin ich um 9.30 Uhr,
Friederike Beier : wenn ich mich beeile, egal ob ich Fahrrad fahre oder ÖPNV, es dauert immer eine
Friederike Beier : Stunde, bin ich um 9.30 Uhr in der Uni.
Friederike Beier : Dann arbeite ich acht Stunden. Mir wird noch 50 Minuten Pause abgezogen.
Friederike Beier : Plus zwei Stunden Wegzeit.
Friederike Beier : Da bin ich um 19.30 Uhr wieder in der Kita.
Friederike Beier : Die macht aber schon um 16.45 Uhr zu.
Friederike Beier : Und das ist schon der Spätdienst. Und da will mein Kind eh nicht gerne hin.
Friederike Beier : Aber genau, das funktioniert also nicht. Dann habe ich immer noch nicht eingekauft,
Friederike Beier : ich habe die Wäsche nicht gemacht, ich will ja auch noch Zeit mit meinem Kind
Friederike Beier : vielleicht verbringen, ich will es fragen, wie ihr Tag war, will sie vielleicht
Friederike Beier : trösten, will mit ihr Geschenke für eine Freundin besorgen.
Friederike Beier : Das alles geht nicht mehr, also es ist wirklich absurd. Und wenn ich das alles
Friederike Beier : mache, dann ist das nicht mein Lifestyle, sondern dann erziehe ich ein Kind,
Friederike Beier : was ja später produktiv für diese Gesellschaft ist.
Friederike Beier : Also reproduktive Arbeit ist auch eine höchstproduktive Arbeit und selbst wenn
Friederike Beier : nicht ist es trotzdem noch Arbeit. Das heißt, das funktioniert überhaupt nicht.
Friederike Beier : Und ich bin noch ein sehr, sehr privilegiertes Beispiel, weil ich genug verdiene.
Friederike Beier : Ich könnte theoretisch eine Babysitterin bezahlen. Da kommen wir dann wieder
Friederike Beier : in die ganzen Verstrickungen.
Friederike Beier : Das Feminismus, will ich das überhaupt? Wie viel bezahle ich der Person, damit es gerecht ist?
Friederike Beier : Genau, das heißt, es funktioniert so nicht. Und dieser Begriff von Lifestyle-Teilzeit,
Friederike Beier : der verkennt auch, dass viele Jobs gibt es einfach nur in Teilzeit.
Friederike Beier : Das heißt, viele Menschen wollen mehr arbeiten oder sie haben gar keine Jobs.
Friederike Beier : Das heißt, es ist auch der reinste Hohn, dann zu sagen, die machen sich da gerade
Friederike Beier : einen guten Lenz oder so.
Friederike Beier : Und ohne das Recht auf Teilzeit würden vor allen Dingen Menschen,
Friederike Beier : die halt Sorgeverantwortung haben, Frauen und Queers ihre Jobs verlieren,
Friederike Beier : weil sie könnten es einfach nicht stemmen.
Friederike Beier : Dann bräuchten wir ein Treadwife-Modell. Das würden vielleicht manche gut finden.
Eva Völpel: Okay, Dreadvive, das müssen wir vielleicht auch nochmal kurz erklären.
Eva Völpel: Das sind diese Frauen, die vor allem auf Social Media ihr Unwiesen treiben,
Eva Völpel: häufig in so Vintage-Klamotten und das Frauenbild der 50er Jahre dafür körpern
Eva Völpel: und immer schön in die Kamera grinsen und zeigen, wie super ihr Haus geputzt ist, wie sie kochen,
Eva Völpel: backen, putzen und glücklich sind, dem Mann ein erfülltes Leben zu bereiten
Eva Völpel: und sich einfach nur zu Hause, um die Kinder zu kümmern und selber nicht arbeiten zu gehen.
Eva Völpel: Und ich meine, das ist ja mittlerweile zu so einer richtigen rechten Welle des
Eva Völpel: Antifeminismus und der antifeministischen Mobilisierung auch geworden.
Eva Völpel: Also wirklich gruselig, wenn man sich das mal so angeschaut hat.
Eva Völpel: Aber klar, ich meine, letztendlich setzt es an der Frage an,
Eva Völpel: wendet die komplett nach rechts, aber setzt natürlich an der Frage an von einem
Eva Völpel: riesigen Dilemma, das Friederike ja auch erklärt.
Eva Völpel: Also wir wollen irgendwie als Frauen...
Eva Völpel: Uns auch in einem Beruf verwirklichen oder auch politisch tätig sein und so weiter.
Eva Völpel: Und wir haben aber auf der anderen Seite vielleicht auch Kinder und denen wollen
Eva Völpel: wir irgendwie auch gerecht werden.
Eva Völpel: Und man merkt, es quietscht an allen Ecken und Enden und es funktioniert in
Eva Völpel: der Gesellschaft, wie sie so strukturiert ist und aufgebaut ist,
Eva Völpel: funktioniert es einfach nicht in einer erfüllenden Art und Weise.
Eva Völpel: Und da ist halt sozusagen das rückwärtsgewandte Bild der Treadwives,
Eva Völpel: hey, das muss doch alles gar nicht so sein, man kann diesen Widerspruch auflösen,
Eva Völpel: einfach zurück an Heim und Herd, dann hat man diesen Konflikt nicht mehr.
Sabine Nuss: Ja, aber selbst wenn, also jetzt mal angenommen, dass ich das als attraktives
Sabine Nuss: Modell durchsetzen wollen würde, dieses Treadwife-Modell,
Sabine Nuss: würde das gar nicht gehen rein ökonomisch, Friederike hat das mal ausgerechnet.
Friederike Beier : Also wenn ich zum Beispiel eine vierköpfige Familie ernähren will,
Friederike Beier : vielleicht in Hamburg oder in Berlin, brauche ich mindestens,
Friederike Beier : und da lebe ich jetzt nicht in Saus und Braus, brauche ich jetzt mindestens
Friederike Beier : ein Einkommen, sagen wir zwischen 4.500 bis 7.000 Euro netto.
Friederike Beier : Und das ist schon ein bisschen konservativ gerechnet.
Friederike Beier : Und wenn wir uns jetzt angucken, wer hat überhaupt so viel Geld?
Friederike Beier : Also die reichsten 5 Prozent in der Gesellschaft verdienen über 4.500 Euro im Monat.
Friederike Beier : Das reichste 1 Prozent über 7.000 Euro. Das heißt, Treadwife ist ökonomisch nicht umsetzbar.
Friederike Beier : Und das finde ich irgendwie das Schlimmste auch daran, dass es so getan wird,
Friederike Beier : als wäre das irgendwie eine attraktive Alternative.
Friederike Beier : Also klar würde ich auch gerne viel Zeit haben, um in Ruhe ein Brot zu backen
Friederike Beier : und in den Wald fahren und Beeren und Pilze pflücken und daraus irgendwie was kochen.
Friederike Beier : Hätte ich Riesenlust drauf in meinem beschleunigten Leben. Das wäre total cool.
Friederike Beier : Aber genau, leider gibt es zu wenig Menschen, die andere mit durchfinanzieren
Friederike Beier : können, abgesehen davon, dass es natürlich ein völlig tradiertes und problematisches
Friederike Beier : Geschlechterrollenbild gibt.
Friederike Beier : Treadwise steht für die traditionelle Hausfrau und traditionell ist ein irreführender
Friederike Beier : Begriff, weil es gibt die Hausfrau überhaupt erst seit dem 19.
Friederike Beier : Und 20. Jahrhundert. Also die ist erst mit der Entstehung des Kapitalismus und
Friederike Beier : der Trennung von der produktiven, also Warenproduzierenden und eben Reproduzierenden,
Friederike Beier : also unbezahlte Haus- und Sorgearbeit, diese Sphäre.
Friederike Beier : Durch diese Trennung ist es überhaupt entstanden, dass es für eine kurze Zeit
Friederike Beier : im Kapitalismus, nämlich in der Zeit des Fordismus, möglich war,
Friederike Beier : dass ein Mensch mehr verdient hat.
Friederike Beier : Und es lag aber auch daran, dass
Friederike Beier : es nicht so einen großen kapitalistischen Bedarf gab an Arbeitskräften.
Friederike Beier : Und da war es für eine kurze Phase möglich, dass eine Person mehrere andere
Friederike Beier : mitfinanzieren konnte, unter der Prämisse, dass die ganze Sorgearbeit dann quasi
Friederike Beier : von den Frauen erledigt wurde.
Friederike Beier : Und das ist eine Phase, die die Autoritären, die FaschistInnen alle ganz attraktiv
Friederike Beier : finden und dahin zurück wollen gerne oder so tun, als könnte man dahin zurück
Friederike Beier : und dabei den ganzen neoliberalen Umbau total vergessen.
Friederike Beier : Und darauf beziehen die sich, wenn die Trad, also wenn die traditionell meinen.
Friederike Beier : Und das ist einfach ein Modell, was eh schon immer bürgerlich war und für wenige
Friederike Beier : Menschen weltweit realisierbar war, also für eine weiße bürgerliche Norm und
Friederike Beier : jetzt für noch viel weniger. Weil die Löhne sind sehr, sehr viel geringer.
Friederike Beier : Und Rechte und Konservative setzen sich ja auch nicht für bessere Löhne ein.
Friederike Beier : Also es ist absurd. Also es ist eine ideologische Farce, um von anderen Problemen abzulenken.
Sabine Nuss: Tja, Eva, du hast gerade vorhin ein bisschen geklungen, als wärst du das doch
Sabine Nuss: ganz attraktiv, Brot zu Hause zu packen und Treadwife zu machen.
Sabine Nuss: Es ist, wie wir jetzt gehört haben, kein verallgemeinerbares Modell im Kapitalismus. Schade eigentlich.
Eva Völpel: Nee, nee, also ich möchte nicht falsches dann werden.
Eva Völpel: Aber Friederike nimmt das ja auch auf. Also natürlich gibt es in meinem Leben
Eva Völpel: mit zwei Kindern ganz oft die Situation,
Eva Völpel: wo ich einerseits happy bin in meiner Arbeit und die mir viel gibt und ich mich
Eva Völpel: da sehr selbst verwirklichen kann auch, was auch einfach schon mal ein Privileg ist.
Eva Völpel: Und andererseits hechle ich dem ganzen Leben ständig nur hinterher.
Eva Völpel: Und man hat immer das Gefühl, dass man seinen Kindern nicht gerecht werden kann mit der Zeit.
Eva Völpel: Und es ist ein permanentes schlechtes Gewissen und auch eine permanente Trauer darum,
Eva Völpel: dass das so sein muss und dass man irgendwie das Leben mit diesen Kindern nicht
Eva Völpel: anders genießen kann und die von sehr frühem Alter an einfach krass eingetaktet
Eva Völpel: werden in sozusagen die Abläufe einer kapitalistischen Ökonomie.
Eva Völpel: Früh in die Kita bringen, lange dalassen, damit wir alle arbeiten gehen können,
Eva Völpel: weil eben alle mittlerweile irgendwie Geld verdienen müssen und es eben,
Eva Völpel: wie Friederike sagt, ökonomisch überhaupt nicht aufgeht, dass nur einer arbeiten geht.
Eva Völpel: Also selbst dann würde ich das nicht wollen, wobei ich könnte mir auch mal vorstellen,
Eva Völpel: irgendwie länger auszusteigen, total gerne.
Eva Völpel: Aber das zeigt ja eher, dass es um ein ganz anderes Wirtschaftsmodell gehen
Eva Völpel: müsste, wo Care-Arbeit ganz anders verteilt wird und wo wir alle weniger Lohn
Eva Völpel: arbeiten müssten und trotzdem ein gutes Leben haben.
Eva Völpel: Haben müssten.
Sabine Nuss: Das ist übrigens auch ein Thema, was wir bald mal machen wollen.
Sabine Nuss: Kinder im Kapitalismus, damit wir mal eine Folge nur den Kindern widmen.
Sabine Nuss: Das steht bei uns auf dem Zettel. Ich möchte noch mal ganz kurz zurück auf diese
Sabine Nuss: Erhebungen und Statistiken, von denen wir jetzt ja die ganze Zeit immer mal wieder reden und hören.
Sabine Nuss: Friederike weist ja immer darauf hin, dass sie sagt, das ist binär erhoben.
Sabine Nuss: Und dieses das ist binär erhoben, dazu möchte ich noch mal kurz Friederike gehören,
Sabine Nuss: am Anfang hatten wir nochmal den Punkt, dass was die Obdachlosigkeit betrifft,
Sabine Nuss: da ja eher Männer als Frauen betroffen sind.
Sabine Nuss: Dazu hat Friederike sich geäußert und in diesem Kontext nochmal was zu dieser
Sabine Nuss: binären Erhebung nach Frau und Mann gesagt, was ich ganz interessant fand.
Friederike Beier : Wenn man klassisch sich überlegt, wer ist wohnungslos, wen nimmt man wahr im
Friederike Beier : Stadtbild, sind es vor allen Dingen die älteren Männer. Das stimmt schon und
Friederike Beier : das kann man sich auch in Statistiken angucken.
Friederike Beier : Aber für Frauen bedeutet das Leben als wohnungslose Person im öffentlichen Raum
Friederike Beier : ein viel größeres Sicherheitsrisiko, was sexualisierte Gewalt oder auch allgemein Gewalt angeht.
Friederike Beier : Frauen haben in der Regel, weil sie mehr Sorgearbeit leisten,
Friederike Beier : weil sie weiblich sozialisiert sind, auch größere soziale Netzwerke.
Friederike Beier : Das heißt, sie können wohnungslos sein, aber sind nicht sichtbar,
Friederike Beier : weil sie eben zum Beispiel bei bekannten Freunden unterkommen,
Friederike Beier : auf der Couch schlafen, sich irgendwie anders kümmern, ihre Netzwerke in Anspruch nehmen oder...
Friederike Beier : Oder auch bestimmte wohnungslosen Hilfen auch in Anspruch nehmen,
Friederike Beier : um eben nicht sich der Gefahr auf der Straße auszusetzen.
Friederike Beier : Und was ich nochmal sehr relevant finde in Bezug auf diese Daten,
Friederike Beier : ist, dass in den USA ein Drittel der obdachlosen Jugendlichen queer sind.
Friederike Beier : Und das heißt, da sieht man nochmal total gut, dass eigentlich diese Einteilung
Friederike Beier : nur in Männer und Frauen viel zu wenig über Geschlecht und Armut zeigt,
Friederike Beier : weil aufgrund von einer Gesellschaft,
Friederike Beier : die sehr heteronormativ ist, also queere Menschen diskriminiert,
Friederike Beier : laufen viele Jugendliche von zu Hause weg oder ihre Eltern schmeißen sie raus
Friederike Beier : und leben eben sehr viel häufiger auf der Straße und bekommen in den USA sehr
Friederike Beier : viel weniger Möglichkeiten für Grundsicherung, für soziale Sicherung.
Friederike Beier : Und genau, das bedeutet, dass sowohl Geschlecht als auch Sexualität,
Friederike Beier : also spricht hier von LGBTIQ,
Friederike Beier : diese vielleicht ein bisschen schwer verständlichen Buchstaben bedeuten Lesbisch,
Friederike Beier : Schwule, Bi, Trans, Inter oder auch Genderqueere Jugendlichen,
Friederike Beier : dass die eben sehr, sehr viel häufiger auch von Armut und von Obdachlosigkeit betroffen sind.
Friederike Beier : Das heißt, wenn wir sagen, dass Armut vergeschlechtlicht ist, ist das mitgedacht.
Friederike Beier : Wenn wir sagen, Armut ist weiblich, dann denken wir das nicht mit,
Friederike Beier : dass es eben auch andere Kategorien betrifft.
Eva Völpel: Ja, Armut ist vergeschlechtlicht. Das muss ich zugeben, ist jetzt auch nochmal
Eva Völpel: so ein Begriff, den ich jetzt so in der Form auch nicht so benutzt habe.
Eva Völpel: Aber es ist natürlich wirklich der viel treffendere Blick, um die verschiedenen
Eva Völpel: Dimensionen von Armutsbetroffenheit sichtbar zu machen.
Sabine Nuss: Ja, zumindest wird dadurch auch ein bisschen klarer, dass Geschlecht eine Rolle
Sabine Nuss: spielt, was Armut betrifft, aber dass es sehr unterschiedlich ist und dass es
Sabine Nuss: eben neben Frau und Mann noch viele, viele weitere Menschen gibt,
Sabine Nuss: die bei dieser binären Betrachtung durchs Raster fallen.
Sabine Nuss: Das war übrigens auch Thema von Friederikes Doktorarbeit, da haben wir kurz drüber gesprochen.
Sabine Nuss: Sie hat zu den sogenannten Machteffekten von Statistiken geforscht und hat gezeigt,
Sabine Nuss: wie eben die Grundlagen des Wissenssystems schon von vornherein eher binär sind.
Sabine Nuss: Also dualistisch und auch im Grunde genommen männlich. Und das Problem ist dabei,
Sabine Nuss: deshalb auch Machteffekte, dass diese Statistiken in ihrem binären Blick die
Sabine Nuss: Zweigeschlechterordnung nicht nur von vornherein festlegen, sondern halt auch reproduzieren.
Sabine Nuss: Wenn es so veröffentlicht wird mit der Mann-Frau-Erhebung, dann spricht man
Sabine Nuss: auch genauso drüber mit der Mann-Frau-Erhebung, also auch mit den Ergebnissen
Sabine Nuss: und dann findet man auch entsprechende Unterschiede nach diesen Kriterien.
Sabine Nuss: Das fand ich nochmal einen interessanten Punkt, dass das normalisiert wird mit
Sabine Nuss: der Art und Weise, wie die Statistik erhoben wird. Und da war auch nochmal ganz
Sabine Nuss: kurz Thema, wo ich ein bisschen jetzt recherchiert habe nach diesen Gleichstellungsberichten,
Sabine Nuss: wird das jetzt schon immer dazu gesagt.
Sabine Nuss: Also wird dann immer dazu geschrieben, okay, das ist jetzt hier nur eine binäre Erhebung.
Sabine Nuss: Und da meinte Friederike, das dient eigentlich ein bisschen der Legitimation,
Sabine Nuss: das weiter so zu machen, weil daraus folgt nichts, bislang zumindest.
Sabine Nuss: Und Friederike sagt, dass es diese Festlegung der zwei Geschlechterordnungen,
Sabine Nuss: wenn sie so unwidersprochen bleibt, dient dann eben auch als Grundlage für die
Sabine Nuss: Ausbeutung von Frauen und Queers und dient auch als Grundlage für Geschlechterdiskriminierung.
Sabine Nuss: Und da war auch der Verweis nochmal auf Faschisierung und auf Autoritarismus,
Sabine Nuss: bei denen ja die Zwei-Geschlechter-Ordnung eine ganz große Rolle spielt.
Sabine Nuss: Also da hat Friederike auf diese erste Executive Order von Trump verwiesen,
Sabine Nuss: wo Trump so eine Regierungsanordnung erlassen hat, wonach Frauen vom Ökos,
Sabine Nuss: dass Extremismus der Gender-Ideologie geschützt werden sollten,
Sabine Nuss: um die biologische Wahrheit wiederherzustellen.
Sabine Nuss: Also es ist ja auch in Deutschland, die AfD nimmt sich da ja nichts.
Sabine Nuss: Genau, die knüpft genau da an.
Sabine Nuss: Und es ist eben, nach Friederike geht es überhaupt nicht um den Schutz von Frauen,
Sabine Nuss: das ist total absurd, sondern es geht eigentlich eher darum,
Sabine Nuss: diese Zweigeschlechtlichkeit wirklich fest zu zimmern und zu zementieren,
Sabine Nuss: um genau dadurch die Unterschiede und die Ungleichheiten festzuschreiben,
Sabine Nuss: um Frauen unterzuordnen und sie auf ihre scheinbar natürliche Rolle festzulegen.
Sabine Nuss: Also die Rolle als sexuell Verfügbare, als Gebärende, als eben dem Patriarchat
Sabine Nuss: untergeordnetes Wesen.
Sabine Nuss: Das fand ich nochmal einen interessanten Aspekt, was diese Städte.
Sabine Nuss: Statistiken angeht, auf die wir uns ja auch immer beziehen.
Sabine Nuss: Ich fand zum Beispiel in Frederikes Buch, dadurch bin ich überhaupt erst auf
Sabine Nuss: sie gestoßen übrigens, das Buch
Sabine Nuss: ist 2024 erschienen und hat den Titel Materialistischer Queerfeminismus.
Sabine Nuss: Das ist ein Sammelband, der die klassischen Texte des Queerfeminismus versammelt
Sabine Nuss: und das Konzept nochmal erläutert.
Sabine Nuss: Wer sich da also einlesen möchte, dem sei das hiermit empfohlen und darin gibt
Sabine Nuss: es Auch ein Aufsatz über die Kolonialisierung, den ich total spannend fand,
Sabine Nuss: wo nochmal erklärt wurde, wie in diesen Gesellschaften, die kolonisiert wurden.
Sabine Nuss: Ganz andere Geschlechterverhältnisse waren.
Sabine Nuss: Um nur mal ein Beispiel zu nennen, die waren gar nicht, also da gab es Geschlechterverhältnisse,
Sabine Nuss: sagen wir mal Frau, Mann und dann noch mehrere dazwischen.
Sabine Nuss: Wobei ich jetzt mit meiner Binarität auch wieder was zurückprojiziere, aber jetzt mal egal.
Sabine Nuss: Und da war es unter anderem so, dass das nicht an den körperlichen Merkmalen
Sabine Nuss: festgemacht wurde, sondern das konnte durchaus sein, dass eine Person träumt,
Sabine Nuss: welches Geschlecht sie hat und dann nimmt sie das am nächsten Tag an, so ungefähr.
Sabine Nuss: Und das ist sehr viel fluider. Vielleicht um ganz kurzen Einblick darin zu geben,
Sabine Nuss: weil ich ja finde, dass wenn man sich anguckt, wie es woanders ganz anders war,
Sabine Nuss: versteht man besser unsere eigene Naturalisierung und unsere eigene Gewissheit,
Sabine Nuss: dass das immer schon so war.
Sabine Nuss: Das wird dadurch immer, finde ich, so schön aufgebrochen. Deshalb mal kurzen
Sabine Nuss: Einblick von Friederike selbst.
Friederike Beier : Ich glaube, es ist wichtig, dass im Kontext zu sehen,
Friederike Beier : global, dass es vor allen Dingen in Lateinamerika und in Ländern in Sub-Sahara-Afrika so war,
Friederike Beier : dass durch die Kolonialisierung Geschlechtermodelle oder auch Nordamerika-Geschlechtermodelle,
Friederike Beier : die pluraler waren, die entweder ein drittes Geschlecht hatten oder man wechseln
Friederike Beier : konnten, also flexible Geschlechterkategorien oder Geschlecht als Ordnungskategorie
Friederike Beier : gar nicht so eine große Rolle gespielt hat.
Friederike Beier : Also dass diese Modelle, die es alle gab, durch den Kolonialismus kaputt gemacht
Friederike Beier : wurden, zerstört wurden und sehr stark so eine Zwei-Geschlechter-Ordnung aufokkriert wurde.
Friederike Beier : Das ist ganz interessant, wenn man sich das anguckt, wenn dann gesagt wird,
Friederike Beier : ah ja, Gesellschaften in Ghana, in Togo, die seien so konservativ oder so.
Friederike Beier : Und dann guckt man sich an, woher kommt das? Und es waren die Kolonialherren,
Friederike Beier : die dann auch schon so Schulen für Frauen gemacht haben, so Haushaltslehre und so weiter,
Friederike Beier : die geschlechtergetrennte Schulen auch eingeführt haben, die ganz viele Maßnahmen
Friederike Beier : eingeführt haben, die diese Zweigeschlechtlichkeit
Friederike Beier : verfestigt hat und natürlich die Rolle der Religion.
Friederike Beier : Also das ist klar mit dem Katholizismus oder auch der evangelischen Religion,
Friederike Beier : je nachdem wo man hinguckt.
Friederike Beier : Auch sehr stark Zweigeschlechtermodelle, Heterosexualität, Ehe,
Friederike Beier : Familie da etabliert wurde und andere Modelle verdrängt worden sind.
Eva Völpel: Ja, das finde ich einen total wichtigen Hinweis, um, wie du sagst,
Eva Völpel: nochmal sich klarzumachen, was hat es eigentlich früher schon alles anderes
Eva Völpel: gegeben und was ist kaputt gemacht worden durch den Kolonialismus.
Eva Völpel: Und ich meine, auch in Deutschland ist es ja so, dass die Menschen,
Eva Völpel: glaube ich, mehrheitlich davon ausgehen, dass es immer schon normal war,
Eva Völpel: dass es so dieses Hausfrauenmodell gab.
Eva Völpel: Und wenn man jetzt aber in die Geschichte guckt, dann kann man ja feststellen,
Eva Völpel: Menschen aus der Arbeiterinnenklasse, die haben sozusagen jetzt vor 200 Jahren,
Eva Völpel: da war es noch nie möglich, dass die Frauen einfach zu Hause blieben.
Eva Völpel: Die mussten alle arbeiten gehen, um überhaupt überleben zu können.
Eva Völpel: Und von daher hätte mich jetzt nochmal interessiert, ob ihr das nochmal so ein
Eva Völpel: bisschen auseinandergenommen habt.
Eva Völpel: Woher kommt eigentlich diese, also geschichtlich, wie entwickelt sich das im 19. und 20.
Eva Völpel: Jahrhundert, dass mit dem Kapitalismus auch so eine Trennung dann stattfindet
Eva Völpel: von der produktiven Sphäre und der reproduzierenden Sphäre, also der unbezahlten
Eva Völpel: Haus- und Sorgearbeit und auf der anderen Seite der Lohnarbeit.
Sabine Nuss: Also ich fand es auch, so wie du sagst, ich dachte auch, okay,
Sabine Nuss: weil die klassische Hausrolle gibt es überhaupt erst seit dem 19.
Sabine Nuss: Jahrhundert und diese Rolle ist überhaupt erst mit der Entstehung des Kapitalismus
Sabine Nuss: hat die sich herausgebildet und eben mit der, wie du sagst, Trennung von der
Sabine Nuss: produktiven Sphäre und der reproduktiven Sphäre.
Sabine Nuss: Und die Frage ist dann so ein bisschen, die wir gewälzt haben und die mich auch
Sabine Nuss: umgetrieben hat, ist Kapitalismus überhaupt darauf angewiesen,
Sabine Nuss: diese beiden Sphären voneinander zu trennen?
Sabine Nuss: Und da hat Friederike übrigens nah angelehnt an Marx folgendes dazu erläutert.
Friederike Beier : Also der Kapitalismus beruht ja darauf, dass er Menschen und deren Arbeit,
Friederike Beier : beziehungsweise genauer gesagt bei Marx, die Arbeitszeit ausbeutet.
Friederike Beier : Und dafür ist er aber darauf angewiesen, dass Menschen geboren werden,
Friederike Beier : dass sie erzogen werden, dass sie gepflegt werden, dass sie genug zu essen haben,
Friederike Beier : dass es ihnen gut geht, dass sie Medikamente haben und all das.
Friederike Beier : Und das ist quasi die Reproduktionssphäre, also nicht die Produktionssphäre
Friederike Beier : bei Marx, sondern die Reproduktionssphäre, die hochgradig feminisiert ist.
Friederike Beier : Also vor allen Dingen Frauen und Queers in dieser Sphäre unbezahlt arbeiten,
Friederike Beier : aber auch bezahlt. Und wenn es unbezahlt ist, dann meistens in so einem häuslichen
Friederike Beier : Kontext, so die sogenannte Arbeit aus Liebe.
Friederike Beier : Und im bezahlten Bereich ist diese Arbeit aber auch wahnsinnig prekarisiert und auch rassifiziert.
Friederike Beier : Also es gibt einfach sehr, sehr viele Menschen mit Rassismus-Erfahrungen,
Friederike Beier : mit Migrationshintergrund,
Friederike Beier : die im Pflegesektor, in Krankenhäusern als Pflegende, als Pflegerinnen arbeiten.
Friederike Beier : Und das liegt daran, dass der Care-Sektor nur begrenzt Gewinne erzielt.
Friederike Beier : Also im Gegensatz zu, wir stellen einen Computer her oder wir stellen ein Handy
Friederike Beier : her, das kann man automatisieren und man kann den Produktionsprozess immer weiter beschleunigen.
Friederike Beier : Und man kann es outsourcen in Länder, wo das Lohnniveau niedriger ist und all
Friederike Beier : das geht ja mit Care nicht.
Friederike Beier : Noch nicht. Vielleicht ist es irgendwann auch die gesellschaftliche Dystopie,
Friederike Beier : dass alte Menschen irgendwie nach, weiß ich nicht, auf die Philippinen geschoben
Friederike Beier : werden, weil es da günstiger ist, sie zu pflegen.
Eva Völpel: Aber jetzt mal nachgefragt, selbst wenn dann ältere Menschen auf die Philippinen
Eva Völpel: geschoben werden oder Pflegeroboter zum Einsatz kommen,
Eva Völpel: ich würde ja sagen, es wird trotzdem immer so bleiben, dass der Kapitalismus
Eva Völpel: darauf angewiesen ist oder nichts daran ändern möchte, wenn ich jetzt mal von
Eva Völpel: ihm sprechen will wie von einer Person,
Eva Völpel: dass man diese Trennung hat in diese beiden Sphären, oder?
Eva Völpel: Weil anders würde ja eine ganz maßgebliche Voraussetzung des Kapitalismus wegbrechen,
Eva Völpel: nämlich wie sozusagen in maximaler
Eva Völpel: Form Profite generiert werden und was sozusagen wegverlagert wird,
Eva Völpel: um es nicht bezahlen zu müssen, also Care-Arbeit eben.
Eva Völpel: Und ich finde die interessante Frage daran ist ja eher nochmal,
Eva Völpel: wenn das immer konstitutiv ist für den Kapitalismus, was ich jetzt so sagen
Eva Völpel: würde, ich weiß nicht, ob du das anders siehst.
Sabine Nuss: Würde ich auch sagen.
Eva Völpel: Dann ist aber ja die Frage, kann es darin Verschiebungen geben?
Eva Völpel: Also muss das immer so zweigeschlechtlich sozusagen organisiert sein?
Eva Völpel: Oder gibt es da auch Verschiebungen, dass eben dann mehr männlich gelesene Personen
Eva Völpel: mehr in die Care-Arbeit einsteigen, das sich vielleicht sogar im krassesten
Eva Völpel: Fall total umdrehen könnte?
Eva Völpel: Es wird so nicht passieren, aber letztendlich endet es nichts daran,
Eva Völpel: wie ein Kapitalismus diese Sphären trennt, oder?
Eva Völpel: Weil wenn es das dann nicht mehr gäbe, diese beiden Sphären,
Eva Völpel: dann wäre es auch wahrscheinlich kein Kapitalismus mehr.
Sabine Nuss: Ja, das fand ich auch interessant. Also dass ohne diese Trennung Kapitalismus
Sabine Nuss: nicht existieren könnte, das würde ich schon auch denken, aber muss sie unbedingt
Sabine Nuss: heteronormativ sein, diese Trennung.
Sabine Nuss: Also braucht es für den Kapitalismus auch die Tatsache, dass es diese Zweigeschlechterordnung
Sabine Nuss: Mann-Frau gibt, so wie du das jetzt auch gerade gesagt hast.
Sabine Nuss: Und ich meine, was ja mit Heteronormativität noch verbunden ist,
Sabine Nuss: ist, dass nicht nur ein bestimmtes Geschlechtermodell damit,
Sabine Nuss: dass es zwei Geschlechter Mann und Frau gibt, quasi wie von Natur aus,
Sabine Nuss: sondern dass da auch die Liebe zwischen den Geschlechtern auf Mann-Frau-Lieben sich reduziert ist.
Sabine Nuss: Das gehört ja dazu. Und es ist doch durchaus vorstellbar, dass das ganz anders
Sabine Nuss: organisiert oder belegt werden könnte, diese Trennung der beiden Sphären.
Sabine Nuss: Es gibt zum Beispiel ja auch von Dorothea Schmidt und Friederike Mayer,
Sabine Nuss: die kritisieren das, dass Feministinnen sagen, Kapitalismus braucht die Heteronormativität.
Sabine Nuss: Die sagen, nein, so deterministisch kann man das nicht sehen.
Sabine Nuss: Also das sei gar nicht festgelegt.
Sabine Nuss: Kapitalismus könne sehr wohl mit anderen gemischtgeschlechtlichen Formen und
Sabine Nuss: auch ganz anderen sexuellen Orientierungen auskommen.
Sabine Nuss: Das ist also nicht zwangsläufig so.
Eva Völpel: Ja.
Friederike Beier : Es gab ja ganz unterschiedliche Phasen im Kapitalismus. Es gab ja auch Phasen,
Friederike Beier : wo Frauen und Kinder sehr viel gearbeitet haben und lange gearbeitet haben und
Friederike Beier : in den Fabriken und Bergwerken gestorben sind und eben nicht diese starke Trennung
Friederike Beier : von Produktion und Reproduktion gab.
Friederike Beier : Es war wirklich nur eine sehr kleine Phase des Kapitalismus.
Friederike Beier : Der Kapitalismus basiert auf Ungleichheit. Ich finde da den Begriff der differenziellen
Friederike Beier : Ausbeutung ganz gut von der Philosophin Jule Goffrin.
Friederike Beier : Der zeigt nochmal, dass es diese Ungleichheiten braucht, also im Endeffekt eine
Friederike Beier : Teile-und-Herrsche-Ideologie,
Friederike Beier : um besser auszubeuten, um Menschen gegeneinander auszuspielen,
Friederike Beier : sodass manche profitieren in dem System und andere eben weniger oder mehr ausgebeutet werden.
Friederike Beier : Ich finde bei dieser ganzen, wie Marx immer verstanden wird,
Friederike Beier : es gibt irgendwie die Bourgeoisie, die besitzt und es gibt die,
Friederike Beier : die die Lohnarbeiten, verkennt es das so ein bisschen. Denn erstens,
Friederike Beier : dass Marx gesagt hat, empirisch gibt es sehr, sehr viele Klassen.
Friederike Beier : Das hat er ja auch gesagt.
Friederike Beier : Und zum anderen aber auch, dass eben nicht alle gleich ausgebeutet werden.
Friederike Beier : Also da darf man jetzt auch nicht sich hinstellen und sagen,
Friederike Beier : naja, also wie der CEO, der von irgendeinem Unternehmen 100.000 im Monat verdient,
Friederike Beier : ist genauso gleich ausgebeutet wie eine Person, die als Putzkraft arbeitet. Genau.
Friederike Beier : Deswegen, finde ich, brauchen wir so Begriffe von Differenz der Ausbeutung,
Friederike Beier : um uns das nochmal genau anzugucken.
Friederike Beier : Aber was bleibt, ist, dass diese Ungleichheit eine wichtige Prämisse ist und
Friederike Beier : eben eine Grundproblematik ist diese Sphärentrennung von Produktion und Reproduktion,
Friederike Beier : weil die Reproduktion muss erledigt werden für den Kapitalismus.
Friederike Beier : Er muss sie möglichst günstig erledigt haben, damit er eben möglichst viel in
Friederike Beier : der produktiven Sphäre sozusagen Profite machen kann.
Friederike Beier : Und da ist es dann sehr praktisch, dass es schon Geschlechterungleichheit gibt sozusagen.
Friederike Beier : Und die Zweigeschlechtlichkeit ist.
Friederike Beier : Basiert auf der Heteronormativität. Das ist ein System, das hängt zusammen.
Friederike Beier : Gleichzeitig kann man sagen, es gibt ja diesen, ich finde, etwas schwierigen
Friederike Beier : Begriff von Nancy Fraser zum sogenannten progressiven Neoliberalismus,
Friederike Beier : also dass es eine Phase gab,
Friederike Beier : wo queere Lebensweisen sehr wohl Teil des Kapitalismus waren.
Friederike Beier : Ich war zum Beispiel in New York bei der 50 Jahre Christopher Street Day CSD Parade.
Friederike Beier : Da waren alle möglichen Firmen, Nike, Adidas, andere, alle haben da irgendwie sehr Werbung gemacht.
Friederike Beier : Aber in dem Moment, wo der Faschismus wieder stärker wird, kippt es ja alles total.
Friederike Beier : Also diese ganzen Firmen haben das ja komplett verraten von einem auf die andere Sekunde.
Friederike Beier : Also selbst in dieser vermeintlich progressiven Phase war es eigentlich nie
Friederike Beier : progressiv, weil sich eigentlich nur vereinnahmt wurde, was dann noch ökonomisch zu holen ist.
Friederike Beier : Also wenn zum Beispiel ein Staat sagt, ja toll, wir machen jetzt Ehe für alle,
Friederike Beier : dann macht er das jetzt nicht nur, weil er besonders progressiv ist,
Friederike Beier : sondern weil er merkt, dass er da Steuern spart.
Friederike Beier : Weil auf einmal gibt es eine Solidargemeinschaft. Auf einmal,
Friederike Beier : wenn eine Person arbeitslos ist, muss sich die andere drum kümmern usw.
Friederike Beier : Also das ist auch sehr, sehr produktiv sozusagen.
Friederike Beier : Das heißt, queere Lebensweisen, wenn sie anerkannt werden, sind meistens auch
Friederike Beier : die, die sehr stark einem heteronormativen Skript auch folgen.
Friederike Beier : Also die auch heiraten, auch Kinder kriegen, ähnliche Lebensweisen haben wie hetero Lebensweisen.
Friederike Beier : Und das ist jetzt aber alles wieder, das kippt ja gerade alles.
Friederike Beier : Also man könnte sagen, diese...
Friederike Beier : Die neoliberale, scheinbar progressive Phase war vielleicht 20 Jahre maximal.
Friederike Beier : Und jetzt mit diesen multiplen Krisen kommt eben wieder ein sehr stark autoritärer
Friederike Beier : Shift und es kippt wieder.
Friederike Beier : Und dieser Shift geht sehr, sehr stark mit Queerfeindlichkeit und mit Antifeminismus
Friederike Beier : einher und zeigt eben auch,
Friederike Beier : wie sehr der Kapitalismus gerade in Krisenzeiten dann sich wieder auf Zuspitzungen
Friederike Beier : der Verhältnisse auch konzentriert oder da wieder Ungleichheit zu Profit gemacht wird.
Friederike Beier : Also theoretisch könnte der Kapitalismus, der muss die Menschheit sozusagen
Friederike Beier : in zwei Gruppen trennen.
Friederike Beier : Theoretisch könnte er das auch anhand anderer Prämissen machen,
Friederike Beier : also Haarfarbe, Augenfarbe, Größe, weiß ich nicht, und sagen,
Friederike Beier : die sind jetzt dafür zuständig und die da.
Friederike Beier : Aber das muss natürlich durchgesetzt werden. Insofern ist es immer praktisch,
Friederike Beier : wenn es schon eine gesellschaftliche Ungleichheit gibt, die älter ist als der Kapitalismus.
Friederike Beier : Und das Patriarchat ist sehr, sehr viel älter, die dann eben sozusagen dafür
Friederike Beier : instrumentalisiert werden kann.
Sabine Nuss: Also, das habe ich da mitgenommen. Es braucht die Trennung der Sphären.
Sabine Nuss: Aber dass sie zweigeschlechtlich besetzt wurde, dann tatsächlich ist eher historisch dann so gewachsen.
Sabine Nuss: Das hat sich quasi angeboten. Und das fand ich auch nochmal sehr erhellend,
Sabine Nuss: weil man sieht daran, dass Kapitalismus eben auch noch mit ganz vielen anderen
Sabine Nuss: Herrschaftsformen sich vermischt hat historisch.
Eva Völpel: Rassismus.
Sabine Nuss: Rassismus, Patriarchat, also Herrschaftsformen, die älter sind als Kapitalismus.
Eva Völpel: Genau, also so wie du es jetzt auch nochmal gefasst hast und wie Friederike
Eva Völpel: es beschreibt, finde ich, wird das nochmal sehr schlüssig zu verstehen,
Eva Völpel: dass es das eine immer braucht und das andere aber, also immer die Trennung der Sphären braucht.
Eva Völpel: Aber dass es natürlich unterschiedlich organisiert sein kann,
Eva Völpel: wer in welcher Sphäre dann welche Arbeit verrichten muss.
Eva Völpel: Und dass wir aber natürlich in einer Zeit leben, die historisch gewachsen ist
Eva Völpel: und entstanden ist und sich sozusagen viele Dinge...
Eva Völpel: Daraus ergeben, wie wir heute die Zustände erleben. Aber sag mal,
Eva Völpel: jetzt kommt natürlich wie immer am Ende die Gretchenfrage.
Eva Völpel: Was können wir tun? Also was sind Alternativen zu dieser Ordnung?
Eva Völpel: Ich meine klar, Kapitalismus abschaffen. Das wollen wir alle.
Eva Völpel: Vielleicht nicht alle, die uns zuhören, aber wir wollen das auf jeden Fall.
Eva Völpel: Und viele, die uns zuhören.
Eva Völpel: Aber ja, also was ist für dich sozusagen auch nochmal so eine Erkenntnis aus
Eva Völpel: dieser Sendung, wenn wir jetzt der Frage nachgegangen sind,
Eva Völpel: Armut ist vergeschlechtlicht, es hat Gründe, warum Frauen oder Flinter stärker
Eva Völpel: von Armut betroffen sind und was würdest du sagen, was kann man tun?
Sabine Nuss: Also ich habe auch da mitgenommen in dem Gespräch mit Friederike,
Sabine Nuss: dass es auch hier darum geht, dass man jetzt, also Kapitalismus überwinden ist
Sabine Nuss: ja auch mal so ein Schlagwort, was man jetzt nicht von heute auf morgen kriegt,
Sabine Nuss: aber man kann natürlich im Hier und Jetzt Dinge machen,
Sabine Nuss: Projekte, Bündnisse, Kämpfe führen, die so einen verändernden Kompass haben,
Sabine Nuss: also Transformationspfade entsprechend beschreiten.
Sabine Nuss: Und Friederike hat da auch genau diese Bündnisse jetzt, was wir jetzt hier am 8.
Sabine Nuss: März hatten, genannt und hat in ihrem Buch auch als Utopie, was ja der Kompass
Sabine Nuss: wäre, als Utopie den Begriff der geschlechtslosen Sorgeökonomie genannt.
Eva Völpel: Okay, das ist natürlich ein Begriff, den müssten wir jetzt wahrscheinlich nochmal
Eva Völpel: ein bisschen weiter ausholend erklären, aber vielleicht kannst du das kurz zumindest
Eva Völpel: tun und mir fällt natürlich ein,
Eva Völpel: dass wir sowieso eine Sendung zu einem Thema dazu auch vorhaben.
Sabine Nuss: Richtig. Also geschlechtslose Sorgeökonomie bedeutet,
Sabine Nuss: dass Geschlecht einfach keine so große Rolle mehr spielt und dass es auch nicht
Sabine Nuss: mehr ein zentrales Merkmal ist,
Sabine Nuss: was dann am Ende natürlich immer verschränkt mit anderen sogenannten Merkmalen
Sabine Nuss: über deine materielle Stellung in der Gesellschaft sozusagen bestimmt und so weiter und so fort.
Sabine Nuss: Also es geht auch darum, das ist dann eher der Begriff der Sorgeökonomie,
Sabine Nuss: dass es nicht mehr um Konkurrenz und Profit geht und um die permanente Reproduktion
Sabine Nuss: von Ungleichheit und auch damit verbundene Abwertung,
Sabine Nuss: sondern dass im Mittelpunkt eher, also im Mittelpunkt der gesellschaftlichen
Sabine Nuss: Produktion und Reproduktion eher die Verbindung zwischen den Menschen steht,
Sabine Nuss: die Sorge für und die Sorge miteinander als bestimmende solidarische Form der Beziehung.
Sabine Nuss: Vielleicht kann ich bei der Gelegenheit kurz ein Zitat, was es,
Sabine Nuss: finde ich, ganz schön auf den Punkt bringt, aus ihrem Buch zitieren.
Sabine Nuss: Und zwar schreibt Friederike in dem Buch, wir machen übrigens wie immer alles in die Shownotes.
Sabine Nuss: Statt der Ausbeutung von Ressourcen geht es in der Sorgeökonomie darum,
Sabine Nuss: solidarisch im Einklang mit der Umwelt zu arbeiten und die Mittel zum Leben herzustellen.
Sabine Nuss: Welche Lebensmittel das sind, wird nicht durch die kapitalistische Bedürfnisgenerierungsmaschine
Sabine Nuss: oder Profitabwägungen definiert, sondern durch Gemeinwohl, durch gesellschaftlichen
Sabine Nuss: Nutzen, durch Praktikabilität,
Sabine Nuss: durch Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit.
Sabine Nuss: Das beinhaltet vielerlei gemeinsame Entscheidungen und Abwägungen,
Sabine Nuss: die wiederum auf der Prämisse der Sorge um Menschen und Umwelt basieren.
Eva Völpel: Ja.
Eva Völpel: Und vielleicht so ein paar Beispiele dazu, was könnte das im Alltag an Strukturen,
Eva Völpel: an Institutionen oder so bedeuten?
Sabine Nuss: Sie nennt zum Beispiel jetzt jenseits dessen, was ich schon gesagt habe,
Sabine Nuss: der übergreifenden Bündnisse, die sowohl Lohnarbeitende als nicht Lohnarbeitende,
Sabine Nuss: sowohl Sorgeverantwortung tragende
Sabine Nuss: Menschen als auch die, die das nicht müssen, zusammenbringen soll.
Sabine Nuss: Aber als konkrete Projekte nennt sie zum Beispiel die sogenannten Sorgendenstädte
Sabine Nuss: oder eine feministische Stadtplanung, die eben versucht, die ganzen Bedarfe
Sabine Nuss: des menschlichen Lebens zusammenzurücken für die kurzen Wege.
Sabine Nuss: Das war ja auch in ihrem Beispiel schön nochmal erklärt. Also von der Lohnarbeit
Sabine Nuss: zu den Hausarztpraxen über Schulen, über Kitas und so weiter.
Sabine Nuss: Sie hat dann auch den Begriff der sogenannten Sorgeblöcke genannt.
Sabine Nuss: Und da hat sie dann Barcelona als Beispiel genannt.
Sabine Nuss: Aber vielleicht, das will ich jetzt übrigens hier auch gar nicht so lange ausführen,
Sabine Nuss: weil wir ja genau darüber, du hast es ja schon gesagt, nochmal eine Folge machen.
Eva Völpel: Genau, zum Stichwort feministisch vergesellschaften. Was heißt das eigentlich?
Sabine Nuss: Da findet eine Konferenz statt Ende September oder Mitte September, Eva?
Sabine Nuss: Ja, Ende September. Da ist jetzt gerade heute zufälligerweise schon auf Social
Sabine Nuss: Media auf dem Account der Rosa-Luxemburg-Stiftung Werbung dafür gemacht worden.
Sabine Nuss: Falls euch das näher interessiert, könnt ihr da schon mal bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung gucken.
Sabine Nuss: Und dort wird das alles nochmal ein größeres Thema sein. Und da wird das alles
Sabine Nuss: auch nochmal vertieft. Feministische Vergesellschaftung.
Sabine Nuss: Also was jetzt Alternativen angeht, Eva, weil du es gerade gefragt hast,
Sabine Nuss: Frederike hat natürlich auch etwas gesagt, weil ich das auch gefragt hatte.
Sabine Nuss: Sie hat ja nur außerparlamentarische Aussagen.
Sabine Nuss: Aktivitäten jetzt erstmal benannt. Wie ist denn das Verhältnis zu Parlamentarismus?
Sabine Nuss: Und da hat Friederike als kritische Staatstheoretikerin, die sie ist,
Sabine Nuss: sich sehr skeptisch geäußert aus der Erfahrung heraus,
Sabine Nuss: dass linke Parteien in der Vergangenheit sich haben immer wieder integrieren
Sabine Nuss: lassen in die kapitalistischen Erfordernisse und Sachzwänge und hat sich auf
Sabine Nuss: Johannes Agnoli berufen, Politikwissenschaftler,
Sabine Nuss: der gezeigt hat, dass sowohl die Struktur des Parlamentarismus und der Demokratie,
Sabine Nuss: Also auch die Struktur der bestimmten Demokratie, in der wir leben,
Sabine Nuss: immer wieder dazu führt, dass progressive emanzipatorische Parteien,
Sabine Nuss: die einst für bestimmte Ziele eingetreten sind, die dann irgendwann immer wieder verraten.
Sabine Nuss: Deshalb verweist Friederike darauf, dass parlamentarische Politik wichtig ist,
Sabine Nuss: aber nur da erfolgreich sein kann, wo es eine starke soziale Bewegung gibt,
Sabine Nuss: als Korrektiv, als Support und so weiter.
Eva Völpel: Ja, das finde ich auf jeden Fall immer ein total wichtiger Punkt zu sagen,
Eva Völpel: dass man nicht beim Parlamentarismus stehen bleiben kann und man hat ja in den
Eva Völpel: letzten Jahren auch erlebt,
Eva Völpel: wie eben die feministische Bewegung weltweit einfach wirklich ein treibender
Eva Völpel: Motor war in sozialen Kämpfen und wie das auch zum Teil aus Lateinamerika nochmal
Eva Völpel: mit einer großen Stärke hier rüber geschwappt ist nach Europa.
Eva Völpel: Und natürlich die feministischen Kämpfe auch ein ganz wichtiges Feld sind,
Eva Völpel: um der zunehmenden Faschisierung die Stirn zu bieten.
Eva Völpel: Aber sag mal, du hattest ja vorhin, glaube ich, auch mal erwähnt,
Eva Völpel: Friederike würde bald ein neues Buch rausbringen.
Sabine Nuss: Ja, das erscheint demnächst erstmal nur in englischer Sprache. Das heißt Time to Care.
Sabine Nuss: Und da geht es um chrono-feministische Politik.
Eva Völpel: Was ist das?
Sabine Nuss: Genau, chrono heißt, ist übersetzt sowas wie die lineare, messbare Zeit.
Sabine Nuss: Und das Buch soll auch ins Deutsche übersetzt werden. Und ich fand es so interessant,
Sabine Nuss: dass ich dachte, ich will jetzt hier gar nicht, auch hier jetzt gar nicht näher
Sabine Nuss: aufs Fürcht drauf eingehen, sondern vielleicht mal eine extra Folge,
Sabine Nuss: wenn es dann auf Deutsch erschienen ist, da zu machen.
Sabine Nuss: Da zeigt Friederike so ein bisschen, wie unglaublich viele Kämpfe und auch der
Sabine Nuss: Kernkampf eigentlich den Marx beschrieben hat, der ein Kampf um Zeit ist.
Sabine Nuss: Also ein Kampf um Zeitwohlstand im Grunde genommen und welche wichtige Rolle
Sabine Nuss: Zeit spielt auch zum Beispiel für gesellschaftliche Veränderungen,
Sabine Nuss: weil du brauchst Zeit zum Beispiel für demokratische Prozesse,
Sabine Nuss: um dich einbringen zu können.
Sabine Nuss: Und Zeit, queerfeministische Zeitpolitik ist insofern auch ein ganz relevantes Thema.
Sabine Nuss: Je mehr Zeit, desto mehr kommen wir einem guten Leben ein ganzes Stück näher,
Sabine Nuss: zumindest dann, wenn diese Zeit selbstbestimmt füllbar ist. Und deshalb plädiert
Sabine Nuss: Friederike für einen sogenannten Kronofeminismus.
Sabine Nuss: Wie gesagt, dazu machen wir mal eine extra Folge.
Sabine Nuss: Und würde jetzt auch sagen, dass wir damit zum Schluss gekommen sind. Ich zumindest, Eva.
Eva Völpel: Ja, vielen Dank, Sabine.
Sabine Nuss: Genau, aber Mitbringsel kriege ich noch von dir, oder?
Eva Völpel: Nein, Sabine, ich muss gestehen, ich habe keins. Vielleicht sollten wir über
Eva Völpel: diese Kategorie Mitbringsel nochmal nachdenken.
Sabine Nuss: Okay. Oder ihr schickt uns welche zu, immer. Mitbringsel. Wäre auch mal eine nette Idee.
Sabine Nuss: Wenn ihr was Lustiges habt oder irgendwelche Besonderheiten,
Sabine Nuss: auf die man mal thematisch passend verweisen könnte, schreibt uns.
Eva Völpel: Ja, macht das. Und wie immer gerne auch, wenn ihr Kritik oder Anregungen anderer
Eva Völpel: Art habt, dann bitte an armutszeugnis.rosalux.org.
Eva Völpel: Und wir freuen uns auf euch für die nächste Folge. Macht es gut.
Sabine Nuss: Auf Wiederhören.
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